Spitzen der Eisberge

Letzten Sonntag kriegte ich einen Anruf aus der Zentrale des Johanniter-Rettungsdienstes. Meine Mutter werde jetzt in die Notaufnahme der nächsten Klinik gebracht, nachdem sie gestürzt sei und ihren Notruf-Knopf betätigt habe. „Aber…“, sagte die Frau von der Telefonzentrale und jetzt kommt’s: „Ihre Mutter hat die letzten zwei Wochen fast täglich den Rettungsdienst rufen müssen. Das ist nicht das erste Mal, dass die Hannis sie in die Klinik mitnehmen wollten, aber Ihre Mutter hat sich immer geweigert.“ 

 

Dieser eine sonntägliche Anruf hat dann viele weitere eilige Telefonate, persönliche Gespräche, E-Mails und Whatsapps zwischen Klinik, Pflegedienst, der Betreuerin, den Familienmitgliedern einerseits und unserer Angehörigen-Informationszentrale andererseits(das bin ich)nach sich gezogen. 

Nach und nach hab ich dabei rausgekriegt wie und seit wann es ihr so alarmierend schlecht gegangen war, wie gefährlich ihre Stürze waren, welche Verletzungen sie sich dabei zugezogen hat, seit wann sie schon Rechnungen und Mahnungen ignoriert hat und wie wenig sie trotz all der Notrufe beim Rettungsdienst um Hilfe durch ihre nahestehenden Verwandten bitten wollte oder konnte. Sie wollte nur wieder auf die Füße gestellt und dann in Ruhe gelassen werden

 

Der Anruf hat nicht nur eine Spitze des Eisbergs freigelegt, sondern Spitzen von Eisbergen. Plural. Jetzt sind ein paar Tage vergangen, ich bin inzwischen vor Ort und da sind halbgeschmolzene Eisberge so weit das Auge reicht.