Wohnst du noch, dann lebst du noch

Einmal, am Ende eines dieser vergeblichen Gespräche über andere Wohnformen, die altersgemäßer wären als ihre Messie-Tropfsteinhöhle mit den Stalaktiten und Stalagmiten aus Zeug, fragte ich meine Mutter: „Hast du also wirklich vor, diese Wohnung nur mit den Füßen voraus zu verlassen?“ Sie sagte natürlich ja. 

 

Jetzt hat sie diese Wohnung mit den Füßen voraus verlassen, nicht tot, nur getragen von Rettungs-Sanitätern, und das dreimal: das erste Mal, wurde sie zur Notaufnahme der nächsten Klinik gebracht, wo man sich vergewisserte, dass ihr Becken nach dem letzten Sturz nur geprellt und nicht gebrochen sei. Man schloss einen Schlaganfall als Ursache der vielen Stürze aus, stellte sie probehalber mal auf die Beine und transportierte sie wieder zurück, Füße voraus (das zweite Mal), wieder rein in die Wohnung. Kaum dort allein, stürzte sie wieder und verletzte sich am Kopf. Ein drittes Mal: Füße voraus, in eine andere Klinik, wo man sie eine Woche dabehielt.

 

Dort ist sie jetzt und ich bin die 500 Kilometer von Berlin angereist um bei ihr zu sein. Eine Woche lang, genau die eine Woche, die mein Kind mit seinem Vater bei der anderen, der fitten Oma ist. Die Woche, in der meine Mutter von der Klinik, in der sie aus medizinischer Sicht eigentlich fehl am Platze ist, in ein Pflegeheim gebracht wird, wo sie leider genau in die Zielgruppe passt. Denn innerhalb einer alarmierend kurzen Zeit, vermutlich als zeitverzögerte Reaktion auf eine Operation, ist sie ganz ergreist, kann alleine nichts außer im Bett liegen und mit viel Unterstützung ein paar Schrittchen mit dem Rollator tun - wenn man sie zuvor aus dem Bett auf die Beine manövriert hat. Ihr gelebtes Alter hat ihr biologisches Alter eingeholt und schließlich überholt.

 

Ich wohne also in der Wohnung meiner Mutter, zu der sie mir früher oft den Zugang verweigert hat, wenn sie sich zu sehr dafür schämte. Jetzt scheint die Sonne rein und ich sehe mit neuen Augen das Gesamtkunstwerk in ihren Arrangements aus Bildern, vergilbten Fotos und abgelaufenen Kalendern. Ich begreife, dass die Mengen an Textilien (Decken, Handtücher, Geschirrtücher, Kissen, Polster, Klamotten - von allem gibt es ein Vielfaches vom Benötigten) die Wohnung wie von innen auspolstern gegen ein zu hartes Leben. 

 

 

Ich schlafe in ihrem Pflegebett und senke das Kopfteil per Knopfdruck, bis der Galgen mit dem dreieckigen Griff in meinem Blickfeld erscheint. Im Bad benutze ich ihren erhöhten Toilettensitz mit den seitlichen Greifbügeln, die auch gute Armlehnen sind, dusche mich auf dem Viertelquadratmeter der Badewanne, den ihr nachgerüsteter Duschsitz mir Stehend-Duscherin läßt. Als ich versuche auf ihrem Klavier zu spielen, klingt es ganz anders als ich es in Erinnerung habe: wie ein schrecklich verstimmtes Saloon-Piano, das passt schon allein genreartig nicht zu dem was meine Mutter früher darauf spielte! Ich kämpfe gegen eine aufsteigende Panik, meine innere Stewardess will rufen: „Ein Klavierstimmer, schnell! Haben wir einen Klavierstimmer an Bord?!“. Haben wir nicht, brauchen wir nicht. Alles ist okay. Ich krieg mich wieder ein und kann endlich weinen.