...denn Depressivsein ist ja nicht traurig hoch zwei

Am Tag zwischen Karfreitag und Ostersonntag bin ich abgereist richtung Berlin. Jetzt habe ich vierundzwanzig Stunden, kann alleine sein um die dauernden Bilder von der Kraft- und Hilflosigkeit meiner lebensmüden, lebenserschöpften Mutter abzustellen und mich auf meinen fröhlichen, süßen Sohn einzustellen. 

 

Der Abschied im Pflegeheim war traurig und tut auch hier noch weh. Ich weiß ja jetzt, dass schon der vorherige Abschied von ihr um ein Haar der letzte gewesen wäre, wenn sie sich nicht hätte retten lassen. Sie hat sich tatsächlich widerwillig retten lassen, dann aber doch dem ganzen Rettungs-Prozedere hingegeben, das Aufpeppeln mit sich geschehen lassen und zuletzt sogar wieder erste eigene Anstrengungen unternommen auf die Beine zu kommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Laufen üben.

 

Zum Abschied fragte ich meine Mutter, ob sie traurig sei und sie sagte ja. Sehr viel längere Sätze gelingen ihr schon kräftemäßig nicht. Ich sagte ihr, dass ich auch traurig sei und das stimmt, obwohl da auch eine gewisse Hoffnung bei mir aufkam. Denn sie und ich, wir wissen, dass ein Gefühl - irgendein Gefühl! - schon besser ist als die Taubheit, das völlig in-Watte-gepackt-Sein der Depression. Depressivsein ist ja nicht traurig hoch zwei.

 

Bevor ich zum Flughafen fahre, um meinen Sohn und seinen Papa abzuholen, ruft mich meine Tante an, die bis morgen bei meiner Mutter bleiben kann. Sie sagt, dass es meiner Mutter heute noch schlechter geht, und dieser Eindruck von der schwach steigenden Linie einer Besserung wohl nur unser Wunsch war.

 

Wir reden lange über sie, ihre jüngste Schwester, mit dem am schnellsten gealterten Körper, der durchgelebten Seele. Schliesslich reißen wir uns los und sie wünscht mir eine schöne Zeit mit meinem Sohn. „Freu Dich!“, sagt sie zum Abschied und etwas in mir will sich wie immer wehren: zu "freuen" gibt’s keinen Imperativ. Aber ich denke diesmal: ich weiß, was Du meinst. Und sage: „Ja, ich freue mich.“ und freue mich ein bisschen.