Eine Krankheit für die man jung sein muss

Als meine Schwester und ich Teenager waren, erfuhren wir, dass das was meine Mutter so regelmäßig mit Haut und Haar und Körper und Seele erfaßte dass wir unseren Kalender danach hätten stellen können, aus Sicht von Psychiatern eine Krankheit war, mit vermeintlich dazu passenden Theorien und Medikamenten.

Jemand hatte uns mit einem Fachbuch über die Erkrankung versorgt. Und jemand anderes, dem selbst diese Diagnose gestellt worden war und der seine Krankheit und die Wirkung der Medikamente darauf mit der Ernsthaftigkeit eines Forschers studierte, hatte unsere Mutter überzeugt, dass es das Richtige sei, die Medikamente langfristig zu nehmen. So begann sie zum ersten Mal eine dauerhafte Lithiumbehandlung - ihren Töchtern zuliebe. Lithium soll bis heute das einzige Mittel sein, dem man langfristig eine ausgleichende Wirkung auf die Krankheit nachweisen kann. In akuten Phasen wurde der Medikamentenplan aber auch mit sehr starken anderen Psychopharmaka ergänzt.

 

Wir haben schnell begriffen, dass die heftigen Nebenwirkungen und die charakterverändernden Wirkungen der Tabletten ein Problem für sich im Maßstab einer ganz eigenen Krankheit waren: eine Krankheit, die sie zusätzlich hatte, denn Manien und Depressionen traten immer noch auf, auch wenn sie sich jetzt in einem geschwächten Körper austoben mussten, einem Körper mit mehr Gewicht, mit verlangsamten Reaktionen und einem dauernden Tremor in den Händen.

 

Seit damals nagt der Zweifel über den Sinn der Medikation an mir, den ich mich früher nur selten und wenn dann nur ängstlich zu äußern traute. Ich habe bis heute ein dauerndes Schuldgefühl darüber, dass ich es war, die meine Mutter immer wieder gebeten hat, die Medikamente weiter zu nehmen. 

Ich hatte die Hoffnung auf eine feiner abgestimmte Medikation, die angeblich aus einem kooperativen Arzt-Patientinnen-Verhältnis entstehen und zu weniger merklichen Nebenwirkungen führen sollte. Ich hatte einen verzweifelten Wunsch danach, eines Tages meine "eigentliche" Mutter zu sehen, die sich mir in einem Zeitfenster zeigen würde, der sich zwischen einer Manie und einer Depression auftuen würde. Und ich hatte nicht unbegründete Ängste vor den selbst- und fremdgefährdenden Verhaltensweisen meiner Mutter, die ich in ihren unmedikamentierten Jahren mit ihr erlebt hatte und die mich traumatisiert hatten.

 

Worüber wir uns als Teenager noch die wenigsten Sorgen machten war die Info, dass die langfristige Einnahme von Lithium die Nieren der Patienten im Alter schädigen könnten. Die Vorstellung, dass unsere Mutter einmal alt sein könnte, war damals für mich so weit entfernt wie die Vorstellung, dass ich einmal so alt sein würde wie sie in dieser Zeit, nämlich um die Vierzig ... Erst vor wenigen Jahren habe ich verstanden, wie das ist wenn eine Niereninsuffizienz bei einem Lithiumpatienten zu einer Lithiumvergiftung führt, weil die Nieren das Lithium nicht mehr ausreichend abbauen. Auch der behandelnde Arzt meiner Mutter scheint die drei unterschiedlichen Grade einer Lithiumvergiftung erst gelernt zu haben, als meine Mutter mit einer potentiell tödlichen Lithiumvergiftung dritten Grades auf der Intensivstation der Neurologie lag.

 

Seitdem kann die chronische Krankheit meiner Mutter nicht mehr mit den noch am ehesten dazu passenden Medikamenten, sondern nur mit Antidepressiva und anderen, sedierenden Psychopharmaka behandelt werden. Und seitdem zweifele ich mehr denn je an dem Sinn der Medikamente - zumindest für bipolare PatientInnen im Seniorenalter. Die Tatsache, dass der Psychiater offensichtlich planlos ist und darüber hinaus für seine Planlosigkeit selbst auch nichts kann, weil die Forschung zur Bipolaren Erkrankung sich heute auf Personen bis 65 Jahre beschränkt, mindert meine Zweifel auch nicht gerade. Doch selbst wenn die Forschung zu dem Thema auf Hochtouren laufen würden, stelle ich sie mir extrem tricky vor. Die Nebenwirkungen der Medikamente sind wohl längst nicht mehr von den Langzeitschäden der Medikation zu unterscheiden, manche Symptome ähneln Parkinson, manche einer Demenz, manche einer Depression.

 

Immer wenn das Ganze wieder anfängt, mich wütend zu machen und mit der neuen Wut die ganze Historie der alten Wuten mit hoch schwemmen will, erinnere ich mich daran, was vor ein paar Wochen die eine ehrenamtliche Beraterin bei einer Beratungsstelle für Angehörige von Psychiatrie-Patienten zu mir gesagt hat: besser geht es nicht. Für einen kurzen Moment hatte dieser Satz den alten Kampfgeist in mir getriggert, denn es soll, nein, es muss doch besser gehen. Aber dann hatte eine unendlich tiefe Erschöpfung bei mir eingesetzt und ich habe mich nach hinten an die Stuhllehne fallen lassen. Zum ersten Mal habe ich gehört, ich meine richtig gehört, was mir Menschen die es gut mit mir meinen wahrscheinlich schon seit Jahren hatten sagen wollen und was ich nicht hatte hören können: Besser geht es nicht. Es ist eine mächtige Krankheit, die Medikamente sind ein zweischneidiges Schwert, die Psychiater sind ratlos, die Forschung ist unterbezahlt, Betroffene haben ganz andere Probleme, Angehörige tun ihr Bestes - es ist so gut, wie es im Moment leider eben sein kann.