Ungeordnete Muttergefühle

Heute morgen hat mich ein panischer Traum geweckt. Mein Sohn ist darin mehrmals aus irgendwelchen Zügen ausgestiegen, in denen ich noch mit unserem Gepäck feststeckte oder er ist selbst in den Zügen zwischen lauter trägen Erwachsenen und deren sperrigen Koffern stecken geblieben während ich auf dem Bahngleis dem schon wieder anfahrenden Zug  hinterherrannte, oder er ist von einem Boot ins Wasser gefallen und ich bin ihm voll bekleidet hinterher gesprungen … einfach so eine atemlose  Montage aus lauter Momenten von Machtlosigkeit und Getrenntwerden. 

 

In der Realität ist er vor zwei Tagen fröhlich und abenteuerlustig in einen schicken Reisebus gestiegen, der vor der Schule gehalten hat. Wir Eltern haben das Gepäck unserer Kinder im Busbauch verladen und uns dann zu einem winkenden und Luftküsse abschickenden Spalier aufgestellt, während der Bus sanft losfuhr und ein letztes Mal freundlich hupte.

Alles ist in Ordnung. Wenn du während einer Hortreise nichts von deinem Kind hörst, ist alles in Ordnung, so pragmatisch ist die Abmachung der Erzieher mit den Eltern.

 

Was eine neue Ordnung sucht, sind meine Muttergefühle. Mein Sohn ist jetzt als frischgebackenes Schulkind schon so ein Großer, dass es okay ist, ihn nicht mehr so schrecklich zu vermissen wie das Kita-Kind, das er noch vor gar nicht allzu langer Zeit war. Gewöhnungsbedürftig, aber angemessen, altersgemäß. 

Gleichzeitig habe ich Muttergefühle meiner alten Mutter gegenüber. Während mich früher als parentifiziertes Kind einer psychisch kranken Mutter dauernd das Gefühl von grundsätzlicher Verkehrtheit, Verrücktheit unserer Beziehung beschlich, ist das hier, heute, viel natürlicher. Als ich letzte Woche bei ihr sein konnte, war zwar alles schwer, schmerzhaft und traurig, aber dabei ruhig und richtig. Es hatte Ähnlichkeit mit meinem Gefühl, wenn mein Sohn ein Fieber hat. Viel mehr als Sorge erfüllt mich dann immer eine gewisse Sorte von stiller Freude darüber, jetzt bei ihm sein zu können. Und genauso fühlen sich die 500 Kilometer zu meiner pflegebedürftigen Mutter einfach falsch an.

 

Ich habe mit meiner Schwester und meiner Tante einen Plan für die nächsten Wochen gemacht, wer von uns wann meine Mutter besuchen kann.

Heute um viertel vor zwölf werde ich mich mit den anderen Eltern vor der Schule aufstellen und nach dem Reisebus Ausschau halten, bis ich mein großes Söhnchen endlich wieder in den Armen habe.