Himbeeren gehen gut

Gestern Abend bin ich im Mairegen durch die Stadt, über die Alte Mainbrücke, zu meinem Lieblingsitaliener gelaufen. Nach einem Krankenhaustag. Nach der Abendwäsche inklusive Haarewaschen mit einer schlauen, dafür vorgesehenen Haube aus der Intensivstation. Nach dem Umlagern auf der Dekubitus-Matratze, die wie eine Hüpfburg permanent Luft reingeblasen kriegt von einem pfeifenden Apparat am Fußende des Bettes. Nach dem Abendessen (ich hab ihr live am Bettrand eine Guacamole gerührt und mit dem Teelöffel gefüttert. Avocado mit ganz viel Limettensaft und Naturjoghurt ist flüssig genug, dass sie‘s schlucken kann. Und zum Glück ist Himbeerenzeit und Himbeeren gehen auch gut. Ich geb ihr eine zwischen die Finger und sie führt sie in Slow Motion selbst zum Mund. Nach fünf Himbeeren ist sie außer Atem vom Arm-Bewegen und ich geb ihr die Himbeeren lieber direkt.) 

Die Osteria Trio wäre im Vorbeigehen leicht zu übersehen, da ist kein Schild dran und keine Tische davor und außerdem steht sie optisch im Windschatten des benachbarten Sushi-Ladens mit der wasabifarbenen Leuchtreklame. Ich glaube ja, die Osteria heißt Trio, weil sie so klein ist, dass das Team immer nur aus drei Leuten bestehen kann:  eine große ernste Köchin, die Frau hinterm Tresen, die Boss und Mamma für Küche und Gäste ist und der Pizzabäcker, mit dem die Chefin italienisch ruft und redet. 

Ich darf wieder am Tresen sitzen, weil ich alleine bin. Da hab ich einen guten Blick Richtung Pizzaofen im Hintergrund, Espressomaschine im Vordergrund unten und die harten Getränke im Vordergrund oben. 
Die Chefin ist für einen kurzen Moment mal nur für mich da als sie sich über den Tresen zu mir hin beugt um meine Bestellung aufzunehmen. Ich bin irgendwie noch vom ewigen Füttern satt und muss zugeben dass ich auch nicht weiß was ich will. Sie studiert mein Gesicht als ob’s da Hinweise auf die Antwort gäbe und fragt: „Melanzone al forno, das ist eine Aubergine aus dem Ofen mit Tomaten und...“ ich hab schon bei Aubergine angefangen zu grinsen und zu nicken und sie muss gar nicht weiter sprechen. Meinen Rotwein stellt sie in einem kleinen dickwandigen Glas mit kurzem Stiel vor mich hin. Ich trink ein Schlückchen und muss an Himbeeren denken.