Es ist eine Befreiung - nicht wie ihr jetzt denkt

Wenn jemand in hohem Alter stirbt, vielleicht auch noch nach langer Krankheit, dann wird oft von einer Befreiung für die verstorbene Person gesprochen. Ein bisschen seltener höre ich Leute zugeben, dass es für die Angehörigen eine Befreiung ist - das mag ein bisschen überlagert von Schuldgefühlen der Hinterbliebenen sein. Ich könnte mir die Erleichterung für Angehörige allerdings gut vorstellen. 

 

Ich habe Glück, ich fühle jetzt schon eine Befreiung - ganz ohne dass meine Mutter gestorben ist! Tatsächlich hat sie sich sogar stabilisiert, in einem freilich immer noch äußerst gebrechlichen Zustand der Pflegebedürftigkeit... Meine Befreiung als von Kindesbeinen an mich-kümmernde Tochter einer chronisch kranken Mutter besteht darin, dass ich mich noch nie zuvor so unterstützt gefühlt habe wie in den letzten Wochen und schon Monaten. Die Last ist auf wirklich viele Schultern verteilt, nämlich Schultern von anderen Angehörigen, medizinischen und Pflege-Profis sowie Freundinnen meiner Mutter. 

 

In meiner Kindheit und Jugend hatte ich eine Sonderstellung in nähester Nähe meiner Mutter, weil ich die zweifelhafte Ehre hatte in viele ihrer Geheimnisse als Einzige eingeweiht zu sein. So manche verschwörerisch mitgeteilte Information von ihr machte mich zu ihrer - oft irgendwie stolzen - Komplizin gegen eine Front aus Autoritäten. Die bestand aus Psychotherapeuten, Psychiatern, Ärzten die verdacht-schwer sie beäugten und Lehrern, Trainern, Jugendamt-Mitarbeiterinnen, Nachbarinnen, Tanten und einem getrennt von uns lebenden Vater, die uns Kinder sorgenvoll von der Seite beobachteten. Ich konnte schweigen wie ein Grab, weil meine Mutter mir genau erklärt hatte, welche Informationen die Alarmglocken bei diesen vermeintlich mächtigen Menschen würden schrillen lassen. Dass auf das Alarmschrillen in letzter Konsequenz unsere Trennung von unserer Mutter stehen würde, daran hatten meine Schwester und ich, zumindest für die Dauer der gesamten 80er Jahre, keinen Zweifel. Wer schweigen muss wie ein Grab, kann sich keine Hilfe rufen.

 

Als ich eine junge Erwachsene war, habe ich zum ersten Mal einen ernsthaften Hilferuf probiert, indem ich mit allen Beteiligten über meinen Plan sprach, meiner Mutter eine rechtliche Betreuerin an die Seite zu stellen, aber damit stieß ich auf verschieden heftig ausgeprägten Widerstand, der nach einigen Jahren und vielen Vorfällen erst nachließ. 

 

Heute habe ich immer noch eine Sonderstellung in dem Netz aus Helfern meiner Mutter. Als die rechtliche Betreuerin darum bat, eine Angehörigensprecherin zu ernennen, mit der sie wichtige Informationen austauschen könnte, war es wegen unserer historisch gewachsenen Nähe irgendwie logisch, dass ich das wäre. Aber ich fühle mich nicht mehr wie ein Badewannenstöpsel oder ein Autoreifen-Ventil, sondern wie eine Fensterluke. Oder wie eine Durchreiche vielleicht. Ich fühle mich befreit von einer Last und zu einer Aufgabe, die mir natürlicher, leichter vorkommt, nämlich einfach da zu sein für sie.