Entsorgungen

„Does it spark joy?“, fragt mich diese Japanerin. Sie ist zierlich, wirkt mädchenhaft, aber das ist rein äußerlich. Ich kenne sie aus dem Worldwideweb und weiß was sie kann. Sie hat gewissermaßen einen schwarzen Gürtel in der Kunst des Kampfs gegen die Unordnung und das wildgewordene Horten. Millionen Opfer der Konsumgesellschaft, denen ihr Zeug zuvor bis zum Hals stand, haben dank ihrer Bücher, Videos und Ted-Talks gelernt loszulassen, sich zu reduzieren und zu organisieren und leben jetzt ein neues Leben mit instagramfähigen Kleiderschränken und Küchenschubladen. „Does it spark joy?“ ist die Frage, die du dir laut Marie Kondo stellen sollst, wenn es darum geht sich zu entscheiden, ob Du einen Gegenstand behältst oder auf den Kann-weg-Stapel legst. Denn am Ende solltest Du Dich mit Dingen umgeben, die dir nützen und dir Freude bereiten. Das ist alles schön und gut.

 

Aber das hier ist nicht mein eigener Haushalt, in dem ich die Kunst des De-Cluttering praktizieren soll. Das hier war die letzte eigene Wohnung meiner Mutter, aus der ich noch schnell herausfischen müßte, was ihr für ihren nächsten Lebensabschnitt im Pflegeheim wertvoll sein könnte, bevor der Rest entrümpelt wird, damit alles für einen neuen Mieter renoviert werden kann. Über die Frage was dir wertvoll ist wenn du in deinen letzten Wohnsitz ziehst, denke ich nach während ich Bücher sortiere und mit dem Staubsaugerrohr von hinten in die Eingeweide des Klaviers eindringe um die staubschweren Netze der Spinnen zu vernichten. Schon klar: Klamotten, ein paar Bücher, die man ihr vorlesen kann, ein paar Noten, falls sie doch wieder spielt. Und okay ich weiß, was meine Mutter zum Beispiel nicht braucht: den Plattenspieler und die Schallplatten - mit ihren zitternden Händen und aus dem Rollstuhl heraus einfach unmöglich zu bedienen. Es wäre sadistisch, ihr einen Plattenspieler hinzustellen. Sie hat jetzt ein Radio.

 

Marie Kondo, die Japanerin, ist aus dem Nichts aufgetaucht und steht jetzt da wo mal der Fernseher stand.

 

Ich bin wieder mal von Berlin angereist und habe mein Lager in der Wohnung meiner Mutter aufgeschlagen, die von Besuch zu Besuch immer leerer wird, sich skelettiert, während mein Sohn mit dem Papa für noch eine Woche Schwarzwald-Ferien bei der fitten Oma ans südliche Ende Deutschlands geflogen ist. Meine Schwester, meine Tanten - wir wechseln uns ab mit unseren Besuchen, zum Einen damit ein flächendeckendes Besuchs-Netz daraus wird. Aber auch ein bisschen, um einander aus dem Weg zu gehen. Beim letzten Mal hab ich noch in diesem klapprigen Pflegebett geschlafen, das das Schlafzimmer zu einem improvisierten Krankenhauszimmer gemacht hatte. In der Zwischenzeit hat das Sanitätshaus das Pflegebett mitsamt dem Badewannen-Kran und den Handläufen fürs Klo abtransportiert. Die Matratze liegt alleine auf dem Boden, eine meiner Tanten, die zuletzt da war, hat Decke und Kopfkissen frisch bezogen und eine pralle, lebensbejahende Packung Taschentücher darauf platziert. Zwei Quadratmeter Heimeligkeit in einer ansonsten zu Ende gewohnten Wohnung.

Diese Zweizimmersozialwohnung hatte die wildesten Zeiten des Messie-Syndroms meiner Mutter beherbergt. Doch die Pflegerinnen der Sozialstation, zu deren Aufgaben neben Körperpflege auch Wohnungspflege gehörte, hatten in den letzten Monaten, die meine immer gebrechlicher werdende Mutter hier lebte, einen Vorsprung gewonnen: sie hatten mehr aufräumen und entsorgen können als meine Mutter ansammeln und auftürmen konnte.

 

Ich habe den Staubsauger ausgetreten und stelle mich der Frage der Japanerin, was für ein neues Leben als alte Frau dort irgendwie Joy sparken würde. 

 

Es ist nicht meine Wohnung und diejenige für die ich hier entrümple, ist manisch-depressiv. Mit Joy ist es so eine Sache, wenn jemand gerade depressiv ist. Entgegen allgemeiner Meinung ist Depressivsein eben nicht die Abwesenheit von Joy. Sondern die Abwesenheit von oder der Mangel an Gefühlen überhaupt. Es ist die Resonanzfähigkeit, die fehlt. Ich spüre den geduldigen Blick der Meisterin auf mir. Ich gehorche, schaue mich um und nehme dann die Schallplatte, die auf dem Teller des Plattenspielers liegt, in die Hand. Ich stecke die Platte in die Hülle. Auf dem Cover steht irgendwo ganz klein der Name meiner Mutter. Es handelt sich um eine übel produzierte Siebzigerjahre-Aufnahme einer Messe von Mozart, in der man meine dreißigjährige Mutter die solo Sopran-Partie singen hören kann. Mit dreißig hatte meine Mutter zwei Geburten, eine Fehlgeburt, einen Autounfall und eine handvoll Manien und Depressionen hinter sich und eine Scheidung, den Neuanfang als Kirchenmusikerin und alleinerziehende Mutter in einer anderen Stadt vor sich. Ich sage:

 

„Raten Sie mal, Sensei, wieviel Joy das bei ihr sparkt auf einer Skala von eins bis zehn?“ Ich korrigiere mich. „Auf einer Skala von null bis zehn?“

 

Mir tut es sofort leid. Bei einer wie Marie Kondo verursacht Sarkasmus körperliche Schmerzen. Aber sie kann Schmerzen auch gut wegatmen. Sie sie atmet und sagt:

 

„We cannot know what she feels. So ask yourself instead: does it spark joy in your heart?“

 

Ich seufze. „It sparks a lot of things. Erinnerungen, Handlungsimpulse, Gefühle… Und okay, joy is one of them.“ Ich weiß nicht, wie ich’s ausdrücken soll. „Isn’t joy just a little bit overrated?“ frage ich sie und schaue sie an. Sie dreht ihren Kopf schnell weg, zum Fenster. Sie sieht traurig aus. Ich betrachte sie und ihren unendlichen Blick aus dem Fenster. Und sehe dann etwas auf dem Fensterbrett liegen.

 

Länglich, kurz und dick, eine comicartig deformierte Version eines klassischen schwarzen Tintenfüllers, der Clip an der Kapsel goldfarben. Ich denke: Scherzartikel… Lippenstift oder Feuerzeug oder Parfumflakon oder als Füller getarner Reise-Vibrator im Handtaschenformat wahrscheinlich. 

 

Meine Mutter hat ein Faible für sowas. Und weil ich das wußte, habe ich ihr mal eine Porzellantasse geschenkt, die sieht aus wie drei in einander gestapelte kleine runde Kaffeetassen, klassisch, mit Goldrand, jede Tasse mit einem goldenen Henkel, aber wenn man sie in die Hand nimmt und oben reinschaut, ist es ist nur eine große Tasse und wenn man draus trinkt, zum Beispiel einen Kaffee, dann benutzt man ja nur einen Henkel und die anderen stehen so dadaistisch ab und man kann den Leuten einen Schreck einjagen, einfach nur indem man Kaffee trinkt. Bei meinem letzten Besuch bei meiner Mutter in dieser Wohnung, ich meine, als die Wohnung noch lebte, bewohnt wurde von meiner Mutter, ihren Zigarettenrauch atmete, da hat mir meine Mutter in dieser Tasse ein schaumiges Kaffeegebräu aus instant Kaffeepulver und heißem Wasserhahnwasser hingestellt. Während ich trank hat sie mir erzählt, dass eine meiner Tanten, die bei ihr den Abwasch machte, vergeblich und irritierend lang versucht hatte diese ineinandersteckenden Tassen auseinander zu kriegen. Okay, sie hatte ihre Brille nicht aufgehabt. Aber es sagte auch was darüber aus, wieviel klebrigen Dreck meine Tante meiner Mutter zutraute, und wie alten. Wir hatten gelacht und meine Mutter hat mir die Tasse ad hoc zum Geschenk gemacht, und ich habe angefangen darüber nachzudenken, was ist das für eine Geste, jemandem Sachen zurück zu schenken, die man mal von dieser Person geschenkt bekommen hat und ich habe die Tasse heile nach Berlin transportiert und morgens beim Frühstück meinen Sohn damit verblüfft.

 

Während ich an all das denke, bewegt sich Marie Kondo in Zeitlupe auf das Füllerförmige zu, streckt die Hand danach aus, nimmt es und legt es mir in die Hand.

 

Ich öffne die Kapsel mit einem Klick. Es ist - ein ganz normaler Füller. Klar, optisch zu dick und zu kurz, irgendwie gestaucht, aber er liegt gut in der Hand. Sehr gut sogar!

 

„How do you feel, holding it and looking at it?“

 

Mir ist das zu peinlich ich sage nichts. Aber ich fühle: Simplicity. Promise of a letter or a future story. Wir lächeln uns an.

 

Ich stecke den Füller in meine Hosentasche und klemme die Platte unter meinen Arm, mache alle Fenster zum Lüften auf Kipp bevor ich die Wohnung verlasse. Ich überquere die Straße und bin in zwei Minuten im Pflegeheim. Da finde ich meine Mutter in ihrem Zimmer im Rollstuhl vor dem ausgeschalteten Fernseher sitzend.

 

Ich stelle die Platte auf die Heizung, die jetzt, im Sommer, vorübergehend als Bilder-Board dient und wo schon die aktuellsten Fotos ihrer Töchter und Enkel lehnen. Sie sieht die Platte macht ein Lächeln. Ich zeige ihr den Füller und frage ob sie mir den schenkt. Sie sagt ja.