Albtraum-Zahnfee

Weil ich ursprünglich Goldschmiedin bin, gehe ich eigentlich sogar ganz gerne zum Zahnarzt. Ich kann einem guten Bohrersound echt was abgewinnen, für mich klingt das nach Qualität, Genauigkeit und Verläßlichkeit. Meine Zahnärzte mochten es auch immer wenn ich ihnen das mit dem Goldschmieden erzählte, denn viele von ihnen verstehen sich eh irgendwie als Handwerker und präsentieren mir stolz das Neueste aus ihrem Miniatur-Fuhrpark. Und wenn ich mit meinem Behandler erstmal ein bisschen über einem Thema wie Klebeverbindungen gebondet habe, entspanne ich mich einfach besser.

 

Außer der Handwerkerseite hat der Zahnarzt natürlich auch die berühmte Psychologen-Seite („Müssen Sie immer noch so doll die Zähne zusammenbeißen, die Scheidung ist doch jetzt vorbei?“), das kennt man ja. Aber Zahnärzte schauen Zähne auch an wie Gerichtsmediziner oder sogar wie Paläonthologen. Denn sie lesen in einem Gebiß wie in einem Buch und vor allem können sie in die Vergangenheit sehen. Wie präzise man das kann habe ich nicht gewußt, bis ich einmal diese eine Zahnärztin hatte. 

 

Sie war eine zierliche Person mit schwarzen schwergetuschten Wimpern. Sie sprach sanft und süß mit russischem Akzent zu mir und nannte mich gern Schätzchen. Ihre Zahnarzthelferin hingegen wurde oft von ihr quer über meinen Kopf hinweg ruppig auf russisch angeschnauzt. Ich frage mich, ob sie vielleicht dachte, dass ich auch den Tonfall nicht verstehen würde, bloß weil ich kein Russisch kann, oder ob ich für sie nicht mehr als Schätzchen zählte, sobald der Behandlungsstuhl in die Horizontale gefahren war. 

 

Auf jeden Fall hat sie mich eines Tages gefragt, ob sie mich mal unter vier Augen sprechen könne. Sie hat dabei so betroffen geschaut, dass ich dachte, sie will mir gleich schonend beibringen, dass ich Krebs habe oder so. Aber sie hat erstmal meinem Zahnfleisch ein Kompliment gemacht, dann meine Frage nach dem Krebs mit einer Handbewegung aus der Luft verjagt und schließlich zugegeben, dass sie einfach neugierig sei. Sie hat gefragt: „Was war los bei Ihnen zwischen sechsten und zwölften Lebensjahr?“ Ich sah den Zusammenhang noch nicht und fragte sie wie viel Zeit sie habe. Sie versuchte mir auf die Sprünge zu helfen: „Waren Sie magersüchtig? Hatten Sie chronische Krankheit?“ Ich versuchte mir vorzustellen, was sie sich vorstellte und sah ein sechsjähriges magersüchtiges Mädchen mit einer Diet Coke in der einen und einer zerfledderten Vogue in der anderen Hand vor einem Ganzkörperspiegel stehen. Ich wollte uns beide schnell von diesem Bild befreien. „Die chronische Krankheit hatte meine Mutter“, sagte ich. Sie konnte sich nicht so gut um uns kümmern.“ Sie hat mich angeschaut und gewartet. „Ich habe nicht regelmäßig zu essen gekriegt. Ich war einfach sehr dünn.“ - „Ihre Zähne sagen mir, dass Sie waren unterernährt“. Unterernährt, dieses Wort erwischte mich an der Stelle in meinem Bauch, wo ich mich gerade noch gegen das Wort Krebs gewappnet hatte. Es kam wie eine brandaktuelle Nachricht aus einer doch eigentlich schon jahrelang vergangenen Vergangenheit. Sie schaute mich ganz mitfühlend an, aber ich wurde allmählich ein bisschen sauer auf sie. „Ist das irgendwie wichtig für die Gegenwart oder die Zukunft meiner Zähne?“ - „Nein, sie können alles damit ganz normal machen wie jeder andere auch.“ Nur nicht unerkannt zum Zahnarzt gehen, dachte ich. 

 

 

Heute stelle ich mir vor, dass meine Zähne sowas haben wie die Wachstumsringe von Bäumen, die in extrem dürren Sommern und extrem harten Wintern angefangen haben zu wachsen, aber später kamen Jahre mit satten Sommerregen und wärmenden Schneedecken.