Selfcare oder: Arbeit oder: Care

Während meine Mutter in diese neue Lebensphase ... naja, teils eintritt, teils hinüber gleitet, teils sich fallen, teils sich von uns schieben lässt, dann aber auch plötzlich und überraschend aktiv in die neue Phase eintritt, sei es auch am Arm einer Physiotherapeutin oder mithilfe des Rollators ... also während all dessen schließen sich so einige Kreise in meinem eigenen Leben. 

 

Einer der sich schließenden Kreise hat mit Arbeit zu tun. Allerdings meine ich hier nicht einfach nur brötchenjobmässige, Dayjob-Arbeit. Ich spreche von der Arbeit, die damals begann, als mein Buch SINUS veröffentlicht wurde und ich zum ersten Mal öffentlich über meine Lebensgeschichte, meine Familie, über die Dynamiken, die Gefahren sprach und vor allem darüber, was geholfen hat, was immer noch hilft und was in Zukunft hoffentlich anderen helfen kann. 
Natürlich muss ich erstmal vom Anfangspunkt der Kreisbewegung erzählen: Jahrelang habe ich meiner Tante etwas nicht verziehen, was ja per se ein kluger Gedanke und gut gemeint war, zum damaligen Zeitpunkt aber bei mir nicht als solcher ankommen konnte. Es war während eines Telefonats in dem ich ihr erzählte, dass ich gerade eine Psychoanalyse angefangen hatte. Sie reagierte darauf nicht mit einer Frage, wie ich erwartet hatte, sondern mit einer Idee, nämlich der Idee, dass ich anfragen könne, ob diese Analyse gleichzeitig als Lehranalyse anerkannt würde, wenn ich nach einem Psychologie-Studium die Ausbildung zur Psychotherapeutin machen würde - ein Beruf, den sie nämlich angesichts meines Verhaltens meiner Mutter gegenüber sehr passend für mich fand und den sie mir schon mehrmals ans Herz gelegt hatte. 
Heute, mit viel Abstand, kann ich die Anerkennung meiner Leistungen für meine Mutter in ihrem Gedankengang erkennen, auch das Tröstliche hören und die Chuzpe fühlen, den Witz in dieser Effizienz-Fantasie, nach dem Motto: wenn ich die Zeit und Arbeit investieren muss, um mir selbst zu helfen, warum dann nicht gleich die Lizenz zum Helfen mitnehmen und - da ich ja früher oder später sowieso eine ordentliche Arbeit brauchen werde - warum nicht (ta-daaah!) einen Beruf draus machen?
Damals aber hatte ich mir gerade ein Herz gefasst, meinen Traum, ein Kunststudium, ein paar Jahre nach dem Abitur doch noch zu realisieren. Der Wunsch, die Sache mit der Kunst aus der Ecke eines obsessiven Hobbies mit selbsttherapeutischen Elementen zu holen und ihr einen Platz mit mehr ... sagen wir mal: Tageslicht! zu geben, war lange überlagert und fast erstickt gewesen von einem ganzen Teppich aus Ängsten. Denn künstlerische Berufe, so meine voreilige, aus Halbwissen, Fehlinformationen, wohlgemeinten Ratschlägen und verschämten Beobachtungen der Erwachsenenwelt zusammengeflickte Überzeug, wären Gift für mein arg beanspruchtes seelisches Gleichgewicht und könnten die Krankheit, die in meinen Genen, meinem Gehirn oder Hormonhaushalt oder sonstwo in mir schlummerte, schließlich ausbrechen lassen. 
Trotzdem - oder gerade deswegen - hatte sich mein Drang (oder Zwang), täglich zu zeichnen und zu malen einfach nicht unterdrücken lassen. 
Es war also ein paar Jahre nach dem Abitur und damit auch nach meinem Auszug aus der Wohnung meiner Mutter. Ich hatte mich von der Fantasie verabschiedet, die gemeinsame Wohnung erst dann zu verlassen, wenn sie „gesund“ oder „in guten Händen“ wäre, war also mit einem unendlich schlechten Gewissen gegangen und wurde von ständigen Sorgen um sie begleitet. Bei meinem Versuch mir ein eigenes Leben aufzubauen, machte ich eine Erfahrung, die ich sicher mit Vielen teile, die - zumindest oberflächlich oder objektiv betrachtet - das Schlimmste, Traumatischste ihres Lebens während ihrer Kindheit erlebt haben: dass es erst so richtig anstrengend wird, wenn diese Erlebnisse Jahre zurück liegen, ihre späten Auswirkungen erstmals zum Tragen kommen und man eine Position zur eigenen Geschichte finden will... Zu diesem Zeitpunkt war mir klar, dass mich aus meiner Kindheit werde heraus ackern müssen, und dass ich es allein nicht könnte. 
Warum ausgerechnet Psychoanalyse? Einfach weil ich den vor mir liegenden Berg an seelischer Arbeit mit dem mächtigsten Werkzeug angehen wollte, das mir zu der Zeit bekannt war. Irgendwoher hatte ich eine innere Skala, auf der bewegten sich irgendwo ziemlich weit links eine einmalige Beratung beim Schulpsychologen, genau wie eine Viertelstunde angeleitete Meditation. Psychoanalyse hingegen prangte meines einundzwanzigjährigen Wissens ganz rechts auf der Skala, praktisch am Anschlag. 
Unter allen Freud'schen Psychoanalytikern der Stadt Heidelberg musste ich den Freud'schsten erwischt haben. Seine Praxis erreichte man nach einem Abstieg in ein Souterrain. Überall stand archaischer Nippes aus Afrika und Indien herum. Orientalische Teppiche lagen, überlappend, nicht nur auf dem Boden, sondern dienten auch als Wandschmuck und als Überwurf für die obligatorische Couch, auf der ich mich fünf mal pro Woche pünktlich in Position brachte. Wie als Sahnehäubchen rollte sich gelegentlich eine weiße, sehr fluffige Katze auf meinem Bauch zum Schlafen ein.
Vier Jahre lang habe ich Analyse gemacht. In diese Zeit fällt mein Kunststudium. Und der Suizid meines Freundes. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob es wegen der Psychoanalyse ist oder trotz der Psychoanalyse, dass ich nicht verrückt geworden bin. 
Was sich als roter Faden durch mein Leben zieht, ist dieses Bedürfnis, ein Ventil zu finden, mich auszudrücken, sei es durch Zeichnen, Modellieren, Handwerken oder Schreiben. Ich glaube, es hat geholfen, ich habe mich nach und nach aus-ausgedrückt, denn im Laufe der Zeit wurde der Druck auf diesem Ventil immer schwächer und es ging bei den gezeichneten und geschriebenen Bildern immer weniger um mein eigenes Leid.
Genau wie ich zu Beginn meiner Psychoanalyse gerade genug Abstand zu meiner Kindheit hatte, um darauf zurück zu blicken, hatte ich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung meines Buches allmählich genügend Abstand zu meinem Herauswachsen, meinem Erwachsenwerden, um wiederum darauf zurückzublicken. Stärker als meinen alten Drang zum Zeichnen empfinde ich jetzt einen Wunsch, Kinder und Jugendlichen in einer ähnlichen Situation zu helfen, so gut ich kann.
Für mich ist das nichts gänzlich anderes. Ich spüre ganz deutlich die Verbindung. Mein "Caring" ist eine natürlich gewachsener neuer Zweig meines "Selfcaring".
Mit Anfang zwanzig musste es mir wie eine Bagatellisierung meines Leids erscheinen und wie ein Pressen in das ewige, mir schon zu eng gewordene Parentifizierungs-Korsetts. Jetzt bin ich Mitte Vierzig und es beginnt mir einzuleuchten, was meine Tante möglicherweise damals meinte, und was die Leute vielleicht mit dem Archetypus des "Wounded Healers" meinen könnten.