Besser, aber ...

Seit dem letzten Viertel ihres letzten Klinikaufenthalts geht es meiner Mutter deutlich besser, nachdem sie dort ausgiebig gepflegt wurde, sie sich von einer Lungenentzündung erholte und ihre Medikamente angepasst (reduziert) wurden. Wir sind alle sehr erleichtert. Trotzdem sitzt mir noch jetzt eine Mischung aus Schreck und Verunsicherung in den Gliedern, die gleichzeitig mit ihrer Besserung bei mir eingesetzt hat. Ich frage mich seitdem, ob nicht das zu hoch dosierte Olanzapin zu einem viel größeren Teil für ihren kritischen Zustand verantwortlich war, als wir die ganze Zeit ahnten und - als irgend ein Arzt vielleicht zugegeben hätte. 

Zurück im Pflegeheim ging es ihr rapide noch viel besser, so dass sie am Telefon (dessen Hörer sie jetzt wieder selbständig hielt) verkündeten konnte: "Ich laufe!", wobei sie freilich meinte: ein paar Schritte mit dem Rollator oder am Arm der Physiotherapeutin. Meine Schwester und ich gestanden uns heimlich, dass unsere inneren Seismographen für allererste Früh-Anzeichen jetzt aus Gewohnheit ausschlügen, wir also befürchteten, sie könne von hier aus direkt in eine Manie geraten. - Diese gedankliche Verknüpfung von "Besserung" und "Manie" sitzt so tief, ist so traurig und so fucked-up, dass man sie nur mit seiner Schwester teilen kann - oder auf einem anonymisierten Blog, den eine erwachsene Tochter einer bipolaren Mutter in den Nebel schreibt, um anderen erwachsenen Kindern psychisch kranker Eltern zu signalisieren: I hear ya. Niemand ist allein.

Das Traurigste an der Besserung des Zustands meiner Mutter war aber, dass sie jetzt - natürlich! - nach Hause wollte. Ja, sie erinnerte sich an etwas mit einem Krankenhaus, sie wußte, dass sie jetzt im Pflegeheim war, aber es ging ihr doch besser, was sollte sie jetzt noch zwischen all den alten Leuten, wenn ihre eigene Wohnung doch nur schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite ist. Mir wurde klar, dass sie alle Gespräche, Verabredungen, Beschlüsse, auch die wegen ihrer Vergesslichkeit und ihrer Filmrisse mehrfach wiederholten Gespräche, Verabredungen und Beschlüsse bezüglich ihres notwendigen endgültigen Umzugs von der Wohnung in das Pflegeheim - vergessen hatte. Ich musste ihr nochmal schonend, aber klar, von vorne beibringen, was jetzt Sache war und wie es dazu gekommen war.

Ich versuchte es damit, in einem ersten von mehreren Gesprächen zu diesem Thema erstmal genau das mit ihr zu etablieren: dass sie Vieles vergessen hat - und das niemandes Schuld ist. Dass es, wenn ihr die Sache mit dem Umzug jetzt neu vorkommt, nicht bedeutet, wir Töchter und Schwestern hätten hinter ihrem Rücken, über ihren Kopf hinweg Tatsachen geschaffen, um sie loszuwerden. Als sich das bei ihr gesetzt hatte, konnten wir ruhiger und offener sprechen. Wir gestanden uns ein, dass wir beide es irgendwann schon mal unbewußt so gesehen hatten: dass sie entweder gesund und glücklich in ihrer Wohnung leben könne, oder krank und zum Sterben im Pflegeheim sein müsse. Und wir beschlossen, es mit einem neuen Gedanken zu probieren: dass sie im Pflegeheim wohnen UND es ihr dort besser, vielleicht noch viel besser als jetzt bereits, gehen könnte. Mit diesem Gedanken, einem gewöhnungsbedürftigen Gedanken, geht es seitdem langsam aber sicher - wirklich besser.