Unverhofftes Wiedersehen

Am zweiten Tag meines Besuchs überlege ich, was ich jetzt eigentlich noch dringend tun muss, aber es fällt mir nichts ein. Bei den letzten Besuchen hiess es immer anpacken: Füttern, Umbetten, Waschen und Trinken helfen als sie im Krankenhaus war, später im Heim die Hosen enger nähen und laufen trainieren per Rollator oder mit dem Rollstuhl raus an Luft und Licht. Und als es die Wohnung noch gab: Wäsche waschen, Müll trennen, das Klavier, die Noten und Bücher, die Platten verkaufen.

 

Aber jetzt…? Während meine Mutter mit Beinbruch im Krankenhaus war, hat meine Schwester, in einem katharsischen Kraftakt und mit ihrem neuen Mann als Verstärkung, die Wohnung besenrein hinterlassen. Meine Tanten haben die ausgesiebten Siebensachen meiner Mutter aus dem temporären Doppelzimmer in das permanente Einzelzimmer des Heims gebracht und eine erste Wohnlichkeit entworfen.

Das Sozialamt hat inzwischen meine Finanzen durchgeprüft und befunden, dass ich meiner Mutter gegenüber doch nicht unterhaltspflichtig bin. Was ich verdiene, bleibt bei mir und meinem Sohn. Der neue Pflegegradantrag läuft von allein, einen Begleitbrief aus Angehörigensicht spar ich mir diesmal, der Fall liegt ja jetzt sichtbar auf der Hand. Und die Jahre, in denen meine Schwester und ich gemeinsam die Kosten für die ambulante Pflege wuppen mussten, sind jetzt auch vorbei.

Meine Mutter ist angekommen, nach einer extrem wackeligen Partie mit dramatischen Umwegen, aber angekommen. Aus mir fließt eine uralte Erschöpfung raus.

 

Dann also einfach nur da sein. Wir beklagen noch einmal ausgiebig das Unglück mit dem gebrochenen Bein. Es wird ein bisschen geflucht. Dabei kann ich nicht anders als staunen und mich darüber freuen, dass sie beim Klagen und Fluchen in ganzen Sätzen spricht. Selbst ihre Schilderung der postoperativen Verwirrungszustände ist erstaunlich klar: Sie habe gedacht, sie sei mit ihrem Bett auf irgendeinem Balkon oder einer überdachten Terasse geparkt worden und habe dauernd nach den Krankenschwestern geklingelt und gefordert, endlich wieder ins Gebäude reingebracht zu werden. Bis sie irgendwann selbst durchschaut habe, dass ihr Bett einfach an einem extrem gut geputzten Klinikfenster stand. - Ich mache mir keine Sorgen um sie. 

 

Ich persönlich finde den Beinbruch ja irgendwie sympatisch handfest und berechenbar, im Vergleich zu den anderen Zuständen in denen ich sie in diesem Jahr schon gesehen habe. Als sie die Lungenentzündung hatte und alle Antibiotika nicht wirkten, als die alte Dosis Olanzapin ihren neu geschwächten Körper in einen zitternden Zombie verwandelt hatte, als alles nach einem verschleppten Schlaganfall aussah und sowohl ihre Sprache als auch ihre Erinnerung nicht mehr richtig funktionierten, da habe ich mir Sorgen gemacht - und unwillkürlich, mehr so körperlich, angefangen um sie zu trauern.

 

„Ging’s mir so schlecht?!“ - Sie hat an diese Dinge keine richtige Erinnerung und sagt, alles sei ein großer milchiger Nebel, aus dem verschiedene Krankenhauszimmer-Möblierungen und Gesichter von Besucherinnen herausragen. 

Um ihr zu beweisen, dass sie schon ganz andere Dinge überlebt hat und dass der Beinbruch gegen all das ein mit etwas Geduld vergleichsweise leicht zu lösendes Problem ist, mache ich also einen Rückblick für sie. Ich kann sehen: sie ist ganz Ohr.

 

Ich starte vor einem Jahr, im Juli, bei der zweiten Hochzeit meiner Schwester. Wir fuhren zu viert im Auto hin: mein Sohn neben mir auf dem Beifahrersitz, den Blick wie ich’s ihm beigebracht habe, präventiv gegen die Übelkeit immer auf den Horizont gerichtet, meine geschiedenen Eltern, die vorhatten, es ausnahmsweise drei Stunden lang gemeinsam auf ein und demselben Rücksitz auszuhalten. Und am Steuer sowie an der Musik: ich - seit drei Jahren von meinem Mann getrennt, seit drei Monaten von ihm geschieden, in mörder Hochzeitslaune. „Da ging’s mir noch gut!“, kommentiert meine Mutter. Ich lass das mal so stehen. Aber ich hab es so in Erinnerung, dass sie eine ihrer nur durch das Alter ihres Körpers gedämpften Manien hatte. Zur Feier dieses Anlasses (oder auch zur Feier der zweiten Eheschließung meiner Schwester) trug sie ihren roten Hut, der immer alles um sie herum in ein Pferderennen zu verwandeln scheint. Die Nacht vor der Reise hatte sie kaum geschlafen und redete im Auto ununterbrochen auf das Profil meines Vaters ein, wodurch sie in regelmäßigen Abständen seekrank wurde und rechtzeitig zum Beinevertreten und Luftschnappen von mir aus dem Auto gehieft werden mußte. Auf meinen Vorschlag, es mal mit Schlafen zu probieren, reagierte sie erwartungsgemäß gereizt. Ich dachte schon, wir kommen nie an. Aber als ich uns alle genügend mit dem ewig gleichen Adagio aus Mozarts Gran Partita beschallt hatte, schlief sie tatsächlich ein, freilich nicht ohne vorher „Knöchelverzeichnis dreihunderteinundsechzig!“ gescherzt zu haben - und ich konnte endlich aufs Gas treten bis München. „Genial!“ fand das mein Vater. Ich gab das Kompliment an Mozart weiter, wo es schliesslich hingehört.

 

Dann springe ich in den November, als wir erfuhren, dass ein großes Etwas im Bauch meiner Mutter wachse und sie operiert werden müsse. Die Hausärztin brachte es fertig, mir im Dezember am Telefon zu erzählen, dass es sich angesichts der Größe, der Lage und der Wachstumsgeschwindigkeit dieser Raumforderung sowie angesichts des Alters meiner Mutter ihrer Erfahrung nach um nichts Gutartiges handeln könne und ich mich lieber schon mal einstellen solle… Sie habe ihrer Patientin gegenüber, die ja ohnehin zur Zeit depressiv sei, natürlich nichts dergleichen erwähnt. Sie empfahl auch mir, diese Informationen für mich zu behalten und wünschte mir frohe Weihnachten. 

 

Der Termin für die besagte Bauch-OP wurde auf Februar gelegt. Meine Mutter zog es kurz vor dem angepeilten Tag aus ihrer Angststarre in einen altersbedingt nur flachen manischen Höhenflug, der nach ein paar Wochen, rechtzeitig nach Ablehnung des Reha-Antrags, lehrbuchgemäß in eine körperlich-psychische Talfahrt mündete. Jetzt war klar, dass sie keinen Krebs hatte, aber die Amputation der eigenen Fortpflanzungsorgane steckt niemand einfach so weg, selbst dann nicht, wenn man die biologisch gesehen nu wirklich nicht mehr braucht. Dann die besagten vielen Stürze von denen zunächst niemand außer dem Rettungsdienst wußte.

 

Ich schaue meine Mutter an und merke, wie sie mit meiner Erzählung emotional mitgeht. Ich meine nicht, dass sie irgendwie überreagiert oder so. Sie resoniert einfach nur: sie hört zu, kommentiert mit kleinen Lauten, schwingt mit. Das ist was, das einem anderen Erzähler vielleicht nicht auffallen würde. Aber wer mal jemandem eine Geschichte erzählt und sich gefühlt hat als redete er mit einer Wand und das Bedürfnis hat, sich nach jedem Satz zu erkundigen, ob der Sinn jetzt auch halbwegs angekommen sei, der weiß wie es ist, wenn es jemandem an emotionaler Resonanzfähigkeit fehlt.

 

Deshalb weiß ich, dass ich die Gelegenheit nutzen muss. Es ist einer der seltenen Momente, in denen ich ihr von mir erzählen kann. Nicht dass sie gefragt hätte oder so. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass das was ich jetzt gleich mache, mir und auch ihr gut tun wird. Es ist wie fake it til you make it, halt mit Mutterhaben. Ich erzähle ihr, was ich ihr erzählen würde wenn ich eine normale Mutter hätte, die mich vor einer bunten Kulisse aus halbwegs zutreffendem Wissen über mein soziales und berufliches Leben einfach fragen würde wie es mir geht. Heute schaut sie mich an mit einem Gesicht, das mich an ihre Mutter, meine Großmutter, erinnert. Die war für mich die Personifikation des Mitgefühls, mit warmen bernsteinbraunen Augen und einer langen Oberlippe wie die des Dalai Lama.

 

Also erzähle ich ihr von meinen vergangenen zwölf Monaten. Von der notdürftig zusammengezimmerten theoretischen Masterarbeit, von den schönen und den irritierenden Momenten bei der Produktion meines Hörspiels, von Leons Einschulung, von seinem Halbbruder, der sich von einem Baby, das zuerst meinem Baby Leon von damals erstaunlich ähnlich sah, zu einem ganz eigenen Persönchen entwickelt. Von meinen Jobwechseln und den unterschiedlich anstrengenden Chefs. Und von einer vergangenen Episode mit einem Mann, aus der ich nicht für meine Zukunft lernen wollte was man mir geraten hatte daraus zu lernen.

 

Zwischendurch schau ich, ob sie mir folgen kann und ob sie überhaupt noch wach ist - sie kann, und sie ist. Also entspanne ich mich und erzähle einfach weiter, fange an zu weinen, aber ohne zu schluchzen, da ist einfach Atmen, Erzählen und eine Menge tränenverdünnter Mascara. 

Ich weine nicht aus Trauer oder Wut über die Geschichten, sondern aus Rührung darüber, dass ich sie ihr erzählen kann. Es ist wie ein unverhofftes Wiedersehen.