Rotes Spinett vor gelber Wand

Das neue, lang ersehnte, dank der Empfehlung des Psychiaters ergatterte Einzelzimmer im Pflegeheim ist klein aber hell. Mit den privaten Möbeln und den unausgepackten Kisten und Koffern ist das ein erster, schon ganz guter Entwurf einer Heimeligkeit. Schrank, Kommode und Pflegebett sind vom Heim gestellt und sehen nach Klinik aus, aber da sind auch ein eigener Tisch, ihr eigenes Regal und in der Ecke ihr Spinett - ein Reise-Cembalo, das sie sich in den Siebzigern nach ihren Vorstellungen maßanfertigen ließ: Es ist ganz und gar rot lackiert. Da wo andere schwarze Tasten haben, hat es weiße und die weißen Tasten wiederum sind aus schwarzem Ebenholz. Und Reisen hat es tatsächlich viele gemacht: wenn ich das Spinett sehe, sehe ich es auch immer die Rückbank unseres VW-Käfers blockieren, zugedeckt zum Beispiel mit einem Mantel meiner Mutter, die drei roten abgeschraubten Beine sind hinter den Käfer-Sitzen verstaut. Für mich war dann etwa noch Platz auf dem Beifahrersitz, wenn ich auf einem Sack Kartoffeln thronte und die Büchertasche auf den Schoß nahm und mich mitsamt allem per Anschnallgurt vertäute, meine Schwester hätte wahrscheinlich gesagt: okay ich nehm den Bus.

 

Nicht, dass sie in naher Zukunft Spinett spielen könnte… Vor ein paar Tagen ist sie bei einem ersten Versuch mal alleine aus dem Rollstuhl aufzustehen gestürzt und hat sich klassisch das Bein gebrochen. Als ich ankomme, liegt sie mit dem frisch operierten Bein im Bett, erst am Tag zuvor aus dem Krankenhaus abtransportiert und in ihrer neuen Umgebung geparkt.

 

Aber ich sehe auf den ersten Blick, höre an ihrer Stimme bei der Begrüßung, dass sie geistig so klar ist, psychisch so gut drauf wie ich sie seit einem halben Jahr nicht mehr erlebt habe - und wie ich schon befürchtet hatte sie nie mehr zu erleben. 

 

Ich setze mich vorsichtig an den Bettrand neben ihr gebrochenes, per Implantat repariertes und mit Wundpflastern beklebtes dürres Bein, an dem das Dickste das mit einer langen, aber schon verheilten Narbe verzierte Knie ist. Ich schaue mich im Zimmer um und sage „Schönes Zimmer. Vor allem die gelbe Wand gefällt mir.“ Alle Wände sind weiß, nur die auf die ich jetzt schaue, die hinter dem Kopfende ihres Bettes, ist nicht dezent wartezimmermäßig, sondern so richtig kräftig postgelb gestrichen. Während ich überlege, wer auf diese Idee kam und wer das Streichen erledigt hat, hebt meine Mutter in ihrer verlangsamten Art zu Sprechen an, sie öffnet die Augen weit und fragt überrascht: „Sie ist gelb?!“ 

 

Ich kapiere. Logisch, sie haben sie hier durch die Tür getragen oder geschoben, Kopf voraus, und so wie sie gebettet wurde, so liegt sie halt seitdem. Die gelbe Wand hat sie bis jetzt nicht gesehen und niemand hat mit ihr darüber geredet. Ich überlege kurz, sie aufzusetzen oder das Bett zu drehen, aber nein, zu viel Akt und Zimmer zu klein. „Du wirst es mir einfach glauben müssen.“ sage ich, ein bisschen müde. Sie glaubt es mir.

 

Das Fenster zum Hof ist geöffnet, vom Goldfischteich kommt das Geplätscher einer mini Fontäne, aus einem der anderen Zimmer hört man die ewigen unverständlichen Ärger-Rufe der dementen bettlägerigen Nachbarin, die keiner besucht. Ich öffne den Deckel vom Spinett und setze mich auf den Hocker davor. Der Sound, den das Instrument macht als ich nur mit dem Taschentuch die Tasten  abstaube, hebt die die Atmosphäre schon um ein Mehrfaches in die Richtung einer… ich weiß auch nicht.. Kultiviertheit?

 

Ich probiere das Stück, das ich auf meinem Klavier zuhause auswendig kann: eine auf den minimalsten Schwierigkeitsgrad reduzierte Version eines Chopin-Walzers. Mit solchen Kinder-Transkriptionen hat mein Klavierlehrer mich immer versorgt. Beim Spinett sind die Tasten schmaler und zwingen dich, so Kinderhände zu machen. Wenn du die Taste drückst, wird hinten die Saite ganz gezupft. Daher der strenge Klang - im Gegensatz zum Klavier ist da nichts mit verschieden starkem Anschlag. Betonungen muß eine Musik fürs Cembalo durch die Länge der Noten ausdrücken. Ein Chopin-Walzer ist auf dem Spinett irgendwie im falschen Film. 

 

Als Kinder haben wir nicht auf, sondern mit dem Spinett gespielt… Den Deckel konnte man für mehr Klang so anheben wie bei einem Flügel und ihn mit einem ausklappbaren Stahl-Ständer fixieren. Diese Handbewegung - Deckel hoch, mit dem Drahtding abstützen - sah für mich aus wie eine Szene an der Tankstelle. Ich spielte, dass das Spinett mein Auto sei, machte Ölwechsel und fuhrwerkte fachmännisch mit Löffeln und Gabeln als Werkzeug zwischen den Saiten herum.

Meine Schwester kam auf die schon musikalischere Idee, Gegenstände auf die Saiten zu legen und dann den Sound zu testen. Wir probierten Papier, legten Legomännchen drauf und liessen sie hüpfen - pläng, pläng, pläng. Als wir Zucker auf das Papier streuten, schritt meine Mutter leider ein.

Mein Chopin geht zu Ende. „Guut!“ kommentiert meine Mutter, die mich nur hören und nicht sehen kann, weil ihr Bett in die andere Richtung schaut. Wir wissen beide, dass „gut“ was ganz anderes ist. Aber so wird aus der Situation etwas wie eine Klavierstunde im Larvenstadium. Und das ist schön. Klavierstunden hatte ich mir immer von ihr gewünscht. 

 

Ich bin müde von meiner Zugreise. Ich schiebe ihren Körper in ihrem Bett ein bisschen zur Seite, sie hilft mit einem Griff zum dreieckigen Galgen ein bisschen mit. Ich lege mich neben sie und schließe die Augen.