Freihändig

Es ist gegen Ende der Berliner Herbst-Schulferien. Ich bin mit Leon auf der Rückreise von unserem Italien-Urlaub und wir machen von München kommend in Würzburg einen Zwischenstopp für einen kurzen Besuch bei meiner Mutter.

 

Ich habe so casual eingefädelt, was in Wahrheit eine historische Begegnung zwischen meiner Mutter und meinem Sohn ist: die beiden kennen sich nicht so wirklich. Seit Jahren ging es meiner Mutter zu schlecht für eine Reise nach Berlin. Wenn ich nach Würzburg fuhr, tat ich das alleine, ohne Leon, denn mich um beide zu kümmern, das war mir zu viel. Die letzten Male als Leon seine Großmutter trotzdem bei den Familienfeiern meiner Schwester gesehen hat, ging es ihr entweder nicht gut oder so „zu gut“, dass sie ihn nicht weiter beachtet hat. Meinem kleinen Sohn habe ich angemerkt, wie unheimlich ihm das Zittern und die seltsame Artikulation immer waren. 

 

Aber jetzt ist er größer und ihr geht es besser.

 

Wir treffen sie in ihrem Zimmer im Sessel sitzend an, frisch frisiert, das weiße Haar ganz fluffig. Ich spiele ein Drauflosplaudern, bis es sich so anfühlt als wäre das ein Besuch von vielen. Bald übernimmt Leon und ich lehne mich zurück. 

Er berichtet seiner Großmutter von italienischen Ferien-Abenteuern, sie hat gute Fragen dazu und endlich lachen beide sogar ein bisschen miteinander. Dann schaut Leon sich im Zimmer um, findet die Schalter am Pflegebett cool, interessiert sich für das Spinett und probiert ein paar Tasten davon aus.

 

Ich frage, wie das Laufen Fortschritte macht - ob wir einen Ausflug zur Bank am Teich im Innenhof wagen können? Als meine Mutter aus dem Sessel aufsteht und sich mit dem Rollator in Startposition bringt, sehe ich: sie ist kräftiger und stolz auf ihr Gehenkönnen - auch wenn sie Schmerzen hat.

 

Kaum sind wir aus der Zimmertür, läuft Leon voraus zum Aquarium am Ende des Flurs. Ich lasse meine Mutter vor mir gehen, finde ihren Gang stabil und sage: „Sieht gut aus, Mama.“ Sie gibt dem Rollator einen sanften Schubs und hebt die Hände seitlich in die Luft, damit ich sie gut sehen kann. Sie wackelt mit den Fingerspitzen und sagt ohne sich umzudrehen, aber mit einem leichten Neigen des Kopfs: „Guck, freihändig.“ Ich lache und blinzle eine Träne weg.