19. Mai 2019
Wenn jemand in hohem Alter stirbt, vielleicht auch noch nach langer Krankheit, dann wird oft von einer Befreiung für die verstorbene Person gesprochen. Ein bisschen seltener höre ich Leute zugeben, dass es für die Angehörigen eine Befreiung ist - das mag ein bisschen überlagert von Schuldgefühlen der Hinterbliebenen sein. Ich könnte mir die Erleichterung für Angehörige allerdings gut vorstellen. Ich habe Glück, ich fühle jetzt schon eine Befreiung - ganz ohne dass meine Mutter...
09. Mai 2019
Gestern Abend bin ich im Mairegen durch die Stadt, über die Alte Mainbrücke, zu meinem Lieblingsitaliener gelaufen. Nach einem Krankenhaustag. Nach der Abendwäsche inklusive Haarewaschen mit einer schlauen, dafür vorgesehenen Haube aus der Intensivstation. Nach dem Umlagern auf der Dekubitus-Matratze, die wie eine Hüpfburg permanent Luft reingeblasen kriegt von einem pfeifenden Apparat am Fußende des Bettes. Nach dem Abendessen (ich hab ihr live am Bettrand eine Guacamole gerührt und mit...
07. Mai 2019
Bin wieder im Zug, unterwegs zu ihr. Ich habe zwei Wochen lang mein berliner Leben mit meinem Sohn, meiner Arbeit, meinem Haushalt gelebt. Die neue Woche verbringt der Kleine bei seinem Papa. Dahabeich im Büro das Nötigste abgearbeitet und mir dann Urlaubstage für diese Reise genommen. Seit meinem letzten Besuch hat der Hausarzt meine Mutter im Pflegeheim behandelt, aber irgendwann entschieden, dass ihr Zustand zu bedenklich und ihre Symptome zu rätselhaft seien und sie in die Klinik...
07. Mai 2019
Jemand, der meine Mutter neulich im Krankenhaus besucht hat, mir die Updates Ihrer Werte gab und Einzelheiten über ihren momentanen Zustand schilderte, sagte zusamenfassend ganz betroffen zu mir, sie sei wirklich „nicht mehr die Alte“. Ich nehm mal schwer an er meinte: „nicht wie vorher“. Aber das stimmt schon, sie ist irgendwie auch eine Neue.
28. April 2019
Als meine Schwester und ich Teenager waren, erfuhren wir, dass das was meine Mutter so regelmäßig mit Haut und Haar und Körper und Seele erfaßte dass wir unseren Kalender danach hätten stellen können, aus Sicht von Psychiatern eine Krankheit war, mit vermeintlich dazu passenden Theorien und Medikamenten. Jemand hatte uns mit einem Fachbuch über die Erkrankung versorgt. Und jemand anderes, dem selbst diese Diagnose gestellt worden war und der seine Krankheit und die Wirkung der...
26. April 2019
Heute morgen hat mich ein panischer Traum geweckt. Mein Sohn ist darin mehrmals aus irgendwelchen Zügen ausgestiegen, in denen ich noch mit unserem Gepäck feststeckte oder er ist selbst in den Zügen zwischen lauter trägen Erwachsenen und deren sperrigen Koffern stecken geblieben während ich auf dem Bahngleis dem schon wieder anfahrenden Zug hinterherrannte, oder er ist von einem Boot ins Wasser gefallen und ich bin ihm voll bekleidet hinterher gesprungen … einfach so eine atemlose...
21. April 2019
Am Tag zwischen Karfreitag und Ostersonntag bin ich abgereist richtung Berlin. Jetzt habe ich vierundzwanzig Stunden, kann alleine sein um die dauernden Bilder von der Kraft- und Hilflosigkeit meiner lebensmüden, lebenserschöpften Mutter abzustellen und mich auf meinen fröhlichen, süßen Sohn einzustellen. Der Abschied im Pflegeheim war traurig und tut auch hier noch weh. Ich weiß ja jetzt, dass schon der vorherige Abschied von ihr um ein Haar der letzte gewesen wäre, wenn sie sich nicht...
18. April 2019
Einmal, am Ende eines dieser vergeblichen Gespräche über andere Wohnformen, die altersgemäßer wären als ihre Messie-Tropfsteinhöhle mit den Stalaktiten und Stalagmiten aus Zeug, fragte ich meine Mutter: „Hast du also wirklich vor, diese Wohnung nur mit den Füßen voraus zu verlassen?“ Sie sagte natürlich ja. Jetzt hat sie diese Wohnung mit den Füßen voraus verlassen, nicht tot, nur getragen von Rettungs-Sanitätern, und das dreimal: das erste Mal, wurde sie zur Notaufnahme der...
16. April 2019
Letzten Sonntag kriegte ich einen Anruf aus der Zentrale des Johanniter-Rettungsdienstes. Meine Mutter werde jetzt in die Notaufnahme der nächsten Klinik gebracht, nachdem sie gestürzt sei und ihren Notruf-Knopf betätigt habe. „Aber…“, sagte die Frau von der Telefonzentrale und jetzt kommt’s: „Ihre Mutter hat die letzten zwei Wochen fast täglich den Rettungsdienst rufen müssen. Das ist nicht das erste Mal, dass die Hannis sie in die Klinik mitnehmen wollten, aber Ihre Mutter hat...
08. April 2019
Ich sollte schlafen, nicht wach sein und schreiben. Die letzten beiden Tage waren anstrengend. Und für das was morgen, die nächsten Wochen, Monate und womöglich Jahre kommen könnte, dafür sollte ich wenigstens ausgeschlafen sein. Wenigstens ausgeschlafen sein, denn vorbereitet sein kannst du nicht auf sowas. Sowas erlebst du nur einmal, dass deine Mutter stirbt. Das heißt... ist es das, was gerade passiert? Dabei hab ich manches von dieser Situation unheimlich ähnlich schon einmal...