11. August 2019
Am zweiten Tag meines Besuchs überlege ich, was ich jetzt eigentlich noch dringend tun muss, aber es fällt mir nichts ein. Bei den letzten Besuchen hiess es immer anpacken: Füttern, Umbetten, Waschen und Trinken helfen als sie im Krankenhaus war, später im Heim die Hosen enger nähen und laufen trainieren per Rollator oder mit dem Rollstuhl raus an Luft und Licht. Und als es die Wohnung noch gab: Wäsche waschen, Müll trennen, das Klavier, die Noten und Bücher, die Platten verkaufen. Aber...
10. August 2019
Das neue, lang ersehnte, dank der Empfehlung des Psychiaters ergatterte Einzelzimmer im Pflegeheim ist klein aber hell. Mit den privaten Möbeln und den unausgepackten Kisten und Koffern ist das ein erster, schon ganz guter Entwurf einer Heimeligkeit. Schrank, Kommode und Pflegebett sind vom Heim gestellt und sehen nach Klinik aus, aber da sind auch ein eigener Tisch, ihr eigenes Regal und in der Ecke ihr Spinett - ein Reise-Cembalo, das sie sich in den Siebzigern nach ihren Vorstellungen...
08. August 2019
„Does it spark joy?“, fragt mich diese Japanerin. Sie ist zierlich, wirkt mädchenhaft, aber das ist rein äußerlich. Ich kenne sie aus dem Worldwideweb und weiß was sie kann. Sie hat gewissermaßen einen schwarzen Gürtel in der Kunst des Kampfs gegen die Unordnung und das wildgewordene Horten. Millionen Opfer der Konsumgesellschaft, denen ihr Zeug zuvor bis zum Hals stand, haben dank ihrer Bücher, Videos und Ted-Talks gelernt loszulassen, sich zu reduzieren und zu organisieren und...
18. Juni 2019
Seit dem letzten Viertel ihres letzten Klinikaufenthalts geht es meiner Mutter deutlich besser, nachdem sie dort ausgiebig gepflegt wurde, sie sich von einer Lungenentzündung erholte und ihre Medikamente angepasst (reduziert) wurden. Wir sind alle sehr erleichtert. Trotzdem sitzt mir noch jetzt eine Mischung aus Schreck und Verunsicherung in den Gliedern, die gleichzeitig mit ihrer Besserung bei mir eingesetzt hat. Ich frage mich seitdem, ob nicht das zu hoch dosierte Olanzapin zu einem viel...
07. Juni 2019
Während meine Mutter in diese neue Lebensphase ... naja, teils eintritt, teils hinüber gleitet, teils sich fallen, teils sich von uns schieben lässt, dann aber auch plötzlich und überraschend aktiv in die neue Phase eintritt, sei es auch am Arm einer Physiotherapeutin oder mithilfe des Rollators ... also während all dessen schließen sich so einige Kreise in meinem eigenen Leben. Einer der sich schließenden Kreise hat mit Arbeit zu tun. Allerdings meine ich hier nicht einfach nur...
07. Juni 2019
Weil ich ursprünglich Goldschmiedin bin, gehe ich eigentlich sogar ganz gerne zum Zahnarzt. Ich kann einem guten Bohrersound echt was abgewinnen, für mich klingt das nach Qualität, Genauigkeit und Verläßlichkeit. Meine Zahnärzte mochten es auch immer wenn ich ihnen das mit dem Goldschmieden erzählte, denn viele von ihnen verstehen sich eh irgendwie als Handwerker und präsentieren mir stolz das Neueste aus ihrem Miniatur-Fuhrpark. Und wenn ich mit meinem Behandler erstmal ein bisschen...
02. Juni 2019
Während meine Mutter zum dritten Mal in diesem Jahr im Krankenhaus war, habe ich meinen aktuellen Job gekündigt und einen Arbeitsvertrag bei einer neuen Stelle unterschrieben. Das mag aus einem bestimmten Blickwinkel verrückt sein - einen Job zu kündigen der zumindest auf dem Papier zum ersten Mal nach sowas wie einer Karriere aussieht. Aus einem anderen Blickwinkel mag es nach Opfer aussehen, wenn ich sage, dass ich den anstrengenden Agentur-Job für einen einfacheren Manufaktur-Job...
19. Mai 2019
Wenn jemand in hohem Alter stirbt, vielleicht auch noch nach langer Krankheit, dann wird oft von einer Befreiung für die verstorbene Person gesprochen. Ein bisschen seltener höre ich Leute zugeben, dass es für die Angehörigen eine Befreiung ist - das mag ein bisschen überlagert von Schuldgefühlen der Hinterbliebenen sein. Ich könnte mir die Erleichterung für Angehörige allerdings gut vorstellen. Ich habe Glück, ich fühle jetzt schon eine Befreiung - ganz ohne dass meine Mutter...
09. Mai 2019
Gestern Abend bin ich im Mairegen durch die Stadt, über die Alte Mainbrücke, zu meinem Lieblingsitaliener gelaufen. Nach einem Krankenhaustag. Nach der Abendwäsche inklusive Haarewaschen mit einer schlauen, dafür vorgesehenen Haube aus der Intensivstation. Nach dem Umlagern auf der Dekubitus-Matratze, die wie eine Hüpfburg permanent Luft reingeblasen kriegt von einem pfeifenden Apparat am Fußende des Bettes. Nach dem Abendessen (ich hab ihr live am Bettrand eine Guacamole gerührt und mit...
07. Mai 2019
Bin wieder im Zug, unterwegs zu ihr. Ich habe zwei Wochen lang mein berliner Leben mit meinem Sohn, meiner Arbeit, meinem Haushalt gelebt. Die neue Woche verbringt der Kleine bei seinem Papa. Dahabeich im Büro das Nötigste abgearbeitet und mir dann Urlaubstage für diese Reise genommen. Seit meinem letzten Besuch hat der Hausarzt meine Mutter im Pflegeheim behandelt, aber irgendwann entschieden, dass ihr Zustand zu bedenklich und ihre Symptome zu rätselhaft seien und sie in die Klinik...

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